#146 … Papa spricht über – Fastfood Brettspiele

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Wer nun eine Top 10 Liste oder eine Kaufempfehlung erwartet, muss ich leider enttäuschen. Dieser Artikel wird lang, tiefgehend, und vielleicht der größte Mecker-Blogbeitrag, den ich je geschrieben habe.

Ihr kennt das sicher, kein Monat in dem kein neues Spiel gekauft wird und kein Monat, in welchem die Wunschliste immer länger wird. Selbst sollte man sich auf eine Sparte von Spielen konzentrieren, kommt man nimmer nach. Das ist natürlich ein Gemecker auf sehr hohem Niveau, und ich sollte mich doch freuen, dass es soooo viel Auswahl gibt. Oder?

Ist leider nicht so. Es frustriert mich und ich ärgere mich. Speziell so kurz vor Essen.

Zu viele Neuheiten

Vor ein paar Jahren noch, konnte man noch in den Zeiten, in denen keine Neuheiten angekündigt wurden, noch locker flockig das Jahresprogramm runterspielen. 1-2 neue Spiele pro Woche, und man war dabei. Heute kommen zwischen 1000 und 3000 Neuheiten pro Jahr auf den Markt (BGG als Referenz). Das sind am unteren Ende locker 10-15 Spiele pro Woche. Und selbst wenn man sich nur auf den deutschen Markt konzentriert, und Kickstarter sein lässt: Es wird schwer.

Aber wieso ist das jetzt so schlimm? Weil gefühlt und sehr persönlich betrachtet: 80% der Spiele, die da rauskommen nicht besser als Durchschnitt sind. Das sind diese Spiele: Spiel ich mal mit, würde ich aber nie vorschlagen, bzw kaufen. Braucht es eigentlich nicht.

Hat nun jemand eine große Spielgruppe, einen Club oder ist erfolgreicher Blogger/Youtuber, dann kommt man an vielem mal vorbei, und kann abschätzen was gefällt und was nicht. Aber die meisten da draußen kaufen sich ihre Spiele selbst, und tun das oft in Personalunion für eventuelle Mitspieler. Da bleibt nur Regelhefte lesen, und hoffen, dass das Spiel kein zu großer Blender ist, was Thema und Artwork angeht. Und schnell verbringt man mehr Zeit bei der Auswahl, als beim Spielen selbst. Die Frage, die ich mir stelle: Muss das denn sein? Die Verlage müssen doch wissen, das sie ein Spiel verlegen, das sicher kein Kracher wird. Ich schätze, man nimmt die Mittelmäßigkeit billigend in Kauf.

Aber dafür gibt es doch Reviewer

Richtig, hunderte davon, okay ich übertreibe. Aber schaut euch um. Es berichtet jeder über das gleiche Zeug, nämlich den neuen Stoff, der von etablierten Verlagen herausgebracht wird. Ich nehme mich da nicht aus, ich bin da auch mit beteiligt (gewesen, da aktuell ja eher gar nix kommt 🙂 ). Ich bin auch müde geworden, die Neuheiten spielen zu müssen, um sie hier zu präsentieren. Zu oft, allzu oft habe ich mich zwingen müssen, ein Spiel nochmal zu spielen, um eventuelle Fehleinschätzungen/Regelfehler auszumerzen. Auch verschiedene Spielerzahlen sind dann immer wieder ein Problem geworden.

Ich sehe den Output, den manche Reviewer haben, und entweder spielen die jeden Tag neben Familie, Job und Arbeit in den Sozialen Netzwerken, oder ?!?… Respekt. Es ist sicherlich möglich, und ich stelle hier keine kruden Behauptungen auf. Aber ich bezweifel, dass man inzwischen in der Vielzahl der Rezensionen mehr als einen wohl informierten Ersteindruck bekommt. Manche schreiben es direkt ran… Angespielt… Ersteindruck … Brettgeständnis und was auch immer… Danach hört man von den meisten Spielen nix mehr. Wer so viele Reviews wie ich liest, liest oft Sätze wie: Nett für Zwischendurch, Absacker, Aufwärmer, kann man mal spielen, ganz nett oder das Schlimmste: interessanter Ansatz.

Andere schreiben Reviews in 100 Worten (ich sehe es als Kunstform) oder fassen sich kurz, indem sie Klappentexte abschreiben und nen Fazit drunter packen. Wirklich tiefgehendes liest man selten noch. Youtube kann ich immer weniger beurteilen, da mich die Formate langweilen. Viele langweilige Videos zu langweiligen Spielen. Wenn überhaupt schätze ich ein Live Playthrough, in dem ich zuschauen kann, und es danach beurteilen kann. Aber das kostet noch mehr Zeit.

Spieler: 1-6

Jaja, der Solomodus. Eigentlich ein eigener Artikel, der irgendwann kommen wird. Aber hier passt es aktuell ganz gut hin.

Wie oft steht das inzwischen auf den Schachteln. Und wie oft ist dieser Solomodus MURKS. Oder das Spiel in Vollbesetzung… ganz oft ne dumme Idee. Kaum einer traut sich mehr (das war mal anders), ein Spiel zu veröffentlichen, wo dann 3-4 Spieler draufsteht… lieber 2-5… oder gleich 1-6. Nehmen wir Calimala als Beispiel aus dem Jahrgang 2017. Sofort wurden Stimmen laut: Schade erst ab 3 Spielern, oder gibt es nicht eine Variante für 2… und ja es wurde eine nachgereicht, die auch funktioniert. Ich fürchte aber, zu diesem Zeitpunkt war es zu spät.

Schaut Euch im speziellen Kickstarter ohne Solomodus an. Die ersten Fragen in den Kommentaren: What about solo play? Und leider wird oft, geplant oder nicht, ein Solomodus als Stretchgoal hinzugefügt. Alles erhöht den Anteil vom Kuchen.

Kuchen, von was redet der Kerl?

Okay, folgende Zeilen werden eine Beobachtung sein, und steckt voller, wohl informierter Vermutungen meinerseits. 100% sicher habe ich da keine Informationen/Zahlen und Fakten. Rückt ja auch keiner raus mit. Ab und zu wird mal ne Zahl auf ne Schachtel gedruckt, um zu zeigen, wie erfolgreich ein Spiel ist. Das war es dann aber.

Eine kleine Einleitung:

Nehmen wir an, es kann nur eine bestimmte Menge an Spielen verkauft werden, da man nicht beliebig neue Kunden generieren kann. Diese Menge ist der Kuchen. Wenn wenige Verlage produzieren und eine ähnliche Anzahl an Spielen herausbringen, werden diese sich den Kuchen aufteilen, wobei jemand einen großes Stück bekommt, und andere vielleicht kleinere Stücke. Insgesamt sind aber alle Recht zufrieden und stehen eben im Konkurrenzkampf um den nächsten Kuchen der verteilt wird. Aber alle verkaufen eine angemessene Stückzahl. Vor ein paar Jahren war es als kleiner Verlag leichter 1000 Stück zu verkaufen, als das das heute der Fall ist.

Nun kommen viele kleine Verlage, Selbstverleger (Kickstarter etc) und ausländische Verlage hinzu. Nun wird sehr natürlich für jeden das Kuchenstück etwas kleiner… wie gesagt, die Leute kaufen nicht sprunghaft mehr Spiele.

Als Verlag kann man nun versuchen, sein Kuchenstück etwas zu vergrößern. Dazu muss man mehr Spiele verkaufen, als die Anderen. Das kann dann entweder durch ne aggressive Preispolitik gemacht werden, oder ich gehe als Verlag dazu über viele Spiele zu publizieren. Als Beispiel sei hier mal Pegasus genannt. Dieser Verlag bringt eine Menge Spiele auf den Markt. Davon sind viele Mittelmaß, einige Mist, und ganz wenige wirklich hervorragend (rein subjektive Betrachtung). Dazu kommen Kooperationen, wo Spiele anderer Verlage mit dem Pegasus Logo verziert werden. Durch Ihre Streuung, und die bestehende Reichweite durch Stammkunden/Flagship Stores oder Newsletter/Facebook Fans etc wird dieser Verlag dann sicher ein größeres Stück Kuchen bekommen, als jemand, der auf ein einziges Spiel setzt. Da kann man auf Blindkäufe oder Käufe setzen, die einfach nebenbei mitgenommen werden. Ich habe das auch schon oft gemacht. Einfach nen kleines Spiel noch mitgenommen, und selten war das ne gute Entscheidung. Setzt man auf ein einziges Spiel, und dieses floppt, weil man einen Fehler übersehen hat, nicht den Zeitgeist trifft, oder es von großen Influenzern ignoriert oder falsch verstandenen wurde. Dann sitzt man in der Pfütze. Deshalb nutzen wohl viele das Prinzip: Risiko streuen.

Kommen wir mal zum Thema… hey 1000 Wörter Einleitung… das hätte in der Schule wieder Abzug im Aufsatz gegeben 🙂

Fastfood Brettspiele

Fastfood Brettspiele sind für mich nicht voll ausgereifte Spiele, die in bunten Schachteln geliefert werden, ihr Geld kaum wert sind, und sehr ungesund für den Markt sind. Es sind Spiele, die sich in den Regalen mit ihren bunten Schachteln in den Vordergrund drängeln, aber 3-4 Monate nach erscheinen schon auf der Resterampe Palettenweise angeboten werden, oder in großen roten Tüten verschickt werden, oder sich dem Schicksal hingeben müssen, in elektronische Adventskalender gepackt zu werden. Wenn man sich zu viele davon in seine Räume holt, wird man einer großen Chance beraubt. Sie berauben uns Spielern unserer wertvollen Zeit am Spieltisch, und wärmen einfach das bereits Bekannte immer und immer neu wieder auf. Am Ende sagt man sich: Hätte ich mir lieber was ordentliches geholt… einen gut eingespielten Klassiker zum Beispiel.

Genug der Analogien und Metaphern.

Das sind natürlich alles sehr subjektive Eindrucke und Meinungen. Für mich ist ein Spiel wie Dice Forge überflüssig, für andere genau das was sie immer gesucht haben. Für Andere ist Concordia und Brass der Horror, für mich die Wohlfühlzone.

Was wünsche ich mir von den Verlagen

Ich wünsche mir, dass die Spiele besser ausgesucht werden, das kritischer publiziert wird, und man sich vielleicht wieder auf wenige gute Titel konzentriert. Es muss nicht zu jeder Veranstaltung (Essen, GenCon, BelinCon, Duisburg, Herne, Nürnberg …) ein Stapel neuer Spiele auf den Markt geworfen werden. Wir haben alle noch genug ungespielte Spiele zu Hause.

Und wenn hier jeder mitmachen würde, würde das auch klappen. Gebt den Spielern doch eine faire Chance, die Spiele, die Ihr verlegt auch zu genießen, zu erkunden und zu erlernen. Traut Euch auch mal wieder etwas Komplexeres aufzulegen. Keiner braucht die dritte Iteration von Lucky Lachs, oder wieder ein Farbenzuordnenspiel.

Macht wenige Spiele, aber macht diese gut. Dann klappt es auch mit den Verkaufszahlen. Wenn jeder soviel publiziert wie er kann, nur um die Chance zu erhöhen den nächsten Codenames und Azul-Erfolg einzufahren, wird am Ende das Gegenteil passieren. Ihr werdet Kundschaft verlieren.

Mich habt ihr verloren, denn ich schaue jetzt schon nicht mehr genau hin, was Ihr auf den Markt werft. Ich bin genervt von der schieren Masse. Es lohnt sich für mich nicht mehr, den Weg in den Brettspielladen auf mich zu nehmen. Ich weiß, ich werde dort vielleicht 1 oder 2 interessante Spiele finden. Die anderen 20, die alleine die letzten 3 Wochen eingetrudelt sind…. pfft.

Ob das nun ein Blogger-Problem ist, oder jeder Spieler ein bisschen damit kämpft kann ich nicht beurteilen… ich vermute es aber. Ich habe mich nun an ein spezielles Spektrum an Spielen verloren. Alte Klassiker, knüppelharte Strategiespiele und 18xx. Ich spiele deutlich weniger Spiele als zuvor, manchmal Spiele sogar mehrfach (ja ehrlich!). Und obwohl die Anzahl der Spiele abgenommen hat, und ich seltener an den Spieltisch komme, bin ich zufriedener. Und das wollen doch alle… zufriedene Kunden (okay ich weiß, eigentlich wollen alle unkritische Kunden, die blind alles kaufen, will ja nur keiner zugeben). Ich habe natürlich die Leichtgewichte auch noch im Regal und werde zu Gunsten der Gruppe niemals eine Partie ausschlagen. Aber ob ich dann wirklich Spaß habe, wenn ich das Gefühl habe, das Spiel spielt mich, statt ich das Spiel. Oder das Spiel ist nicht fertig geworden, und trotzdem publiziert worden, das behalte ich dann mal für mich.

Was wünsche ich mir von den Kunden

Seid kritischer.

Kauft erst, wenn ihr Euch sicher seid, das Spiel ist was für Euch. Kauft nicht, nur weil es Thalia zum halben Preis anbietet. Denn wenn das so ist, ist vorab was schief gelaufen.
Kauft nicht, nur weil es euch in einer Facebook Gruppe mit 2000 mitgliedern von 3 Leuten empfohlen wurde, oder weil euer Lieblingsblogger mal wieder davon schwärmt. Trefft Eure eigene Entscheidung.

Wenn Ihr Euch nicht sicher seid, wartet nen Monat. Wollt Ihr das Spiel dann immer noch, bitte… aber ich wette, bei 50-70% der Spiele ist der Drang weg… der Hypetrain abgefahren und das nächste Spiel steht im Fokus.

Kickstarter sind ne ganz eigene Nummer. Lest das Regelheft. Nicht die Optik alleine macht das Spiel. Nur wenn wir alle kritischer werden, werden die Verlage wieder gründlicher arbeiten.

Warum schreibe ich das?

Wie ich schon erwähnt habe, habe ich im letzten Jahr eine Wandlung als Spieler durchgemacht, und für mich persönlich: eine sehr Positive. Ich habe zuvor sehr viel ausprobiert, sehr viel gekauft und schnell wieder verkauft. Über Jahre, und auch hier im Blog.

Ein Spiel, was nicht zu 100% überzeugt, muss nun mein Regal verlassen. Zu kostbar ist der Platz, den die Spiele einnehmen. Jetzt habe ich viele Spiele, die mich zu 110% überzeugen, aber sicher keine 3 mal im Jahr auf den Tisch kommen, weil sie entweder zu speziell sind (Antiquity) oder sehr lang sind (1830, 18CZ und Dominant Species) oder schlicht eine bestimmte Spieleranzahl (Container, Q.E. Der Krieg der Knöpfe) erfordern. Ich muss meine Spieleevents besser vorbereiten, und besser planen. Aber am Ende zehre ich ewig von den Erlebnissen.

Was mich aber eigentlich zu dem Artikel bewegt hat, war der auch heute noch tägliche Blick in die Tauschbörsen, Flohmarktgruppen und generell den Sekundärmarkt. Ich habe meine mittelmäßigen Spiele alle verkauft, und sie sind mir praktisch aus den Händen gerissen worden. Meist von Leuten, die selbst 20-50 Spiele zum Tausch anbieten. Und was hab ich da gesehen… ständig und immer der selbe Mist. In jedem Tauschangebot tauchten manche Titel immer und immer wieder auf. Und da rede ich nicht von alten Schinken, die die Zeit nicht gut überstanden haben. Nein top-aktuelles Zeug. Schaut Euch um. Wie oft bieten Leute 30 Spiele an, meistens sogar noch verpackt, oder im 1A Zustand (einmal gespielt).

Das ist perfekt für alle, die es mal ausprobieren wollen, und dann verlustfrei weiterverkaufen wollen. Am Ende verdient dabei nur die Post 🙂 Das kann nicht der Sinn hinter dem Verlegen von Spielen sein.

Aber ist das nicht auch ein Zeichen dafür, dass eben zu viele Spiele unterwegs sind, die nicht mehr als 2-3 Runden überstehen? Ist es nicht ein Zeichen für einen sich langsam völlig vollgefressenen Markt, der Übersättigt an Fastfood ist? Und ist es nicht schade, dass in dem Rauschen, die wahren Perlen untergehen, weil sie eben keinen Regalplatz abbekommen, oder weniger laut schreien? (weniger Marketingbudget haben, oder eben nicht direkt an alle großen Blogger geschickt werden können).

Ich werde nicht in Essen sein, dieses Jahr, aber ich weiß noch, wie ich mich letztes Jahr Stunde um Stunde auf das Event vorbereitet habe. Ich habe Regelhefte gelesen und versucht auszusieben was nur geht. Ich meine, wir reden hier vielleicht von 100 Spielen, die einen interessieren, also wirklich interessieren. Und kaum einer nimmt 100 Spiele mit nach Hause. Und trotzdem habe ich wieder ins Klo gegriffen. Dank dem Fachhandel exklusiven Handels bin ich das Zeug dann auch hochpreisig wieder losgeworden, aber auch das kann nicht im Interesse der Verlage sein. Der merz Verlag prahle letzte Woche schon mit 1300 Neuerscheinungen zur Spiel18. Viel Spaß bei der Auswahl.

Gut rechnet die Doppelnennenungen, die Lokalisierungen, die vielen Erweiterungen und eventuell sogar die Promos raus. Bleiben eventuell 300-500 Spiele. Einen Verlag, den ich kenne: letztes Jahr eine Preview dabei… dieses Jahr schon 5 verschiedene Spiele, Tendenz steigend. Warum? Wenn sich jedes Spiel nur mittelmäßig verkauft, verdient er weitaus mehr als an einem gut laufenden Spiel. Bei kleinerem Risiko.

Ende

Nein das ist nicht das Ende von Knopfspiele, vielleicht eine Neuausrichtung. Langsam kommt wieder etwas mehr Freiraum in meinen Terminkalender und das Schreibvirus packt mich wieder. Ich habe mir hier nun meinen Frust von der Seele geschrieben, und gehe befreit ins Spielejahrgang 2018. Ich hoffe, dass ich den ein oder anderen Leser vielleicht zum nach, oder umdenken inspiriert habe und freue mich auf eine lebhafte Diskussion in einem meiner Facebook Posts oder per Mail. Die Kommentarfunktion ist ja leider dem #DSGVO zum Opfer gefallen. Es ist sicher vieles was ich schrieb mit dem Vorzeichen zu lesen, dass es meine Sicht der Dinge ist, und nicht unbedingt die Realität der Dinge wiederspiegeln muss, korrigiert mich. Mich würde interessieren, ob ich damit alleine bin.