#154 Papa spricht über … Weniger ist mehr

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Ich wollte diesen Artikel eigentlich: „Ich bin dann mal weg!“ nennen, aber der Titel war leider schon vergeben. Aber warst du nicht eh weg, werden einige vielleicht fragen? Richtig! In diesem Blogpost möchte ich euch einen Einblick in die letzten zehn?!? Monate geben und einen Ausblick auf das Kommende bei Knopfspiele geben.

Was war?

Seit nun gut zwei Jahren sind wir im Knopfhaushalt nicht mehr nur zu dritt, sondern es kam Knopf 2 dazu, der unser Leben komplett auf Links gekrempelt hat. Dazu haben wir als Eltern zeitgleich Beide noch einen beruflichen Neustart hingelegt, was am Ende wenig Zeit und Energie für diverse Hobbies übrig gelassen hat. Seither steigt meine Bewunderung für Familien, die noch mehr Kinder haben.

Das Brettspiel selbst ist natürlich nicht ganz verschwunden, aber auch Knopf 1 hat einen immer volleren Terminkalender (Schule, Hort, Karate, Fußball und Freunde besuchen) und damit verschwinden auch nach und nach die stundenlangen Brettspiel-Sessions. Zudem will Knopf 2 mitspielen, was bis zu einem gewissen Punkt geht, aber irgendwann dann in Stress ausartet (Wo ist mein Würfel? Hatte ich eben nicht 2 Fische?).
Man könnte jetzt natürlich Abends spielen, wenn die Kinder im Bett sind. Aber ehrlich gesagt, wenn der Akku auf 3% steht, startet man keine neue App, sondern legt sich selbst ans Ladekabel.

Also gar nix gespielt die letzten Monate? Zum Glück war es nicht ganz so schlimm. Mir blieb das Sologaming und einige Treffen mit Freunden zu intensiven Spielerunden.

Seit mehreren Monaten hat mich das 18XX Fieber gepackt. Für alle, die nicht wissen, was das ist ein kurzer Abriss:
18XX sind Wirtschaftssimulations-Spiele die alle samt ein Zug-Thema im 18ten Jahrhundert haben und sich um Streckenbau und Aktienspekulationen drehen. Die Spiele sind meist nicht ausbalanciert, verzeihend und vorbestimmt welchen Ausgang ein Spiel nehmen wird, wie wir es von Eurogames gewohnt sind. Sie sind sehr offen in den Entscheidungen die man selbst trifft, und damit auch offen für jede Art von Fehlern die man als Spieler machen kann. Spielzeiten von 4-8 Stunden sind keine Seltenheit und auch ein vorzeitiges Ausscheiden (oder besser die Gewissheit, nicht gewinnen zu können) sind möglich und man braucht ne dicke Haut, denn die Spiele sind alles andere als kooperativ 🙂

Es vergeht kein Tag, an dem ich keinen Spielzug in einem unserer Online-Sessions mache, über Spielzüge nachdenke und mich über Fehler ärgere.

Da man Mitspieler für solche Spiele nicht einfach so auf der Straße findet, setze ich mich ab und an ins Auto und fahre 3-4 Stunden nach Essen, um dort unvergessliche Spielerlebnisse zu erfahren. Oder eben der Velbert-Con (3 Tage mit Freunden in einer Ferienwohnung zocken).

Ich spiele Spiele heute nach dem Motto: Weniger ist mehr! Lieber intensiv ein Spiel erforschen als ständig ein neues Spiel auf dem Tisch zu haben. Dazu müssen die Spiele eben auch etwas bieten. Damit disqualifizieren sich sehr viele Neuerscheinungen im Vorfeld, da sie nur wenig Tiefe haben, oder eben das fünfte Spiel einer Reihe sind mit Minimalen Änderungen. Über die Würfelblockspiele schimpfe ich vielleicht ein andermal.

Letztes Jahr habe ich noch versucht, die spannenden Neuerscheinungen für Leser zu rezensieren. Das bedeutet dann auch, dass ich meine kostbare Zeit für durchschnittliche Spiele opfern musste, um mir ein Bild zu machen. Irgendwann nervte es mich und meine Mitspieler. Also Schluss damit. Ich brauchte eine Pause.

Brettspiel-Fasten

Diese Pause habe ich auch genutzt, um mich mit meinem Konsumverhalten auseinander zu setzen. Fast 300 Spiele stapelten sich im Zimmer, die Hälfte davon ungespielt. Das waren dann immer die Spiele, die ich haben wollte, die hinten anstehen mussten: Ich wollte ja noch Titel XYZ rezensieren. Also habe ich radikal ausgeräumt. Meine Sammlung ist jetzt auf die Hälfte eingedampft und viele Klassiker sind bei mir wieder eingezogen. Warum kaufen wir so viele neue Spiele, wenn wir doch so gute Spiele im Regal stehen haben? Das wurde zur Leitfrage, und die Antwort für mich lag speziell im Medienkonsum. Ich las, schaute und hörte fast alles, was es zum Thema Brettspiele gab. Das war nicht nur zeitraubend, sondern auch teuer. Stichwort Hype.

Hier mein Erfolgsrezept in 6 Schritten.

Schritt 1 des Fastenplans: Kündige deine Social Media Abos.
Knapp 700 Twitter/Facebook/Youtube Channels haben an diesem Tag einen Abonnenten verloren. Wenige durften bleiben. Resultat: Weniger Input, weniger FOMO (Fear of missing out – die Angst ein Spiel zu verpassen) und die Blase vekleinern. Man muss nicht von jeder Neuerscheinung erfahren. Wenn es wirklich gut ist, hört man drei Monate später noch davon. Wenn nicht verschwindet das Spiel wie 90% der anderen Spiele auch.

Schritt 2 des Fastenplans: Kaufe keine reduzierten Spiele.
Ich weiß nicht, ob es euch auffällt: Vor einem Jahr habe ich schon drüber geschrieben Link. Es werden immer mehr Spiele auf den Markt geworfen, immer mehr bleibt im Laden liegen, was dann bedeutet: Die Spiele müssen aus dem Lager, zur Not eben billig. Achtet auf die Marktpreise vor und nach der Messe, die uns bevorsteht. Noch bevor ihr nach Hause kommt, werden die ersten Shops die Spiele zu wahnsinnig günstigen Preisen anbieten. Spätestens die Adventskalender werden den Rest übernehmen.
Wer sein Kaufverhalten sind selbst nicht in den Griff bekommt, sollte zu dieser Regel greifen.

Keine reduzierten Spiele zu kaufen, bedeutet nicht dem Zugzwang ausgesetzt zu sein. Wer beschließt kein Spiel mehr diesen Monat mehr zu kaufen, wird nicht in die Kauffalle gelockt. Reiner Selbstschutz. Ich bin zudem der Meinung: Ein Spiel welches man zum Vollpreis gekauft hat, erfährt eine höhere Wertschätzung im Regal zu Hause. Und wer dazu noch ein festes Budget hat, kauft automatisch dadurch weniger.

Schritt 3 des Fastenplans: Ein!!! neues Spiel pro Monat
… und zwar ohne Wenn und Aber. Ganz egal, ob es ein kleines Kartenspiel ist, eine Vorbestellung, ein Kickstarter oder ein Spontankauf. Wobei ich verspreche letztere werden gegen 0 gehen. Ich habe diese Regel die letzten 9 Monate umgesetzt, und bis auf zwei Ausrutscher durchgehalten. Hier ein Link für alle Interessierten, welche es denn waren. Jetzt im September habe ich das Fasten offiziell beendet, da ich mich nicht mehr wehren kann…
Was im ersten Moment völlig unmöglich erscheint, und brutal wirkt, war am Ende gar nicht so schlimm und hat sogar ein positives Gefühl hinterlassen.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Man bekommt das Spiel auch gespielt, man wählt sehr viel gründlicher aus und wieder die Wertschätzung. Das ist mein März-Spiel… unter all den Neuheiten durfte dieses Spiel einziehen.

Schritt 4 des Fastenplans: Tauscht Spielepakete gegen einzelne Spiele.
Der vermutlich härteste Schritt, denn man muss immer jemanden finden, der gewillt ist diesen Handel einzugehen. Ich habe hier mehrfach Erfolg gehabt. 2-3 kleines Spiele gegen ein großes Spiel getauscht.

Schritt 5 des Fastenplans: Reduziert die Anzahl der Spiele auf unter 100
100 ist meine magische Grenze (nicht nur beim Körpergewicht), die ich irgendwann erreichen will. Ob mir das jemals gelingt, keine Ahnung. Aber 100 Spiele sind verdammt viel. Um alle Spiele einmal im Jahr gespielt zu haben, müsste ich alle 3 Tage ein anderes Spiel auf den Tisch legen, ohne Neuheiten. Das halte ich als Papa für sehr optimistisch, wenn nicht sogar unmöglich. Aktuell sind es noch zwischen 150 und 170 Spiele (groß und klein, sehr klein) die in meiner Wand schlummern. Eine Zahl mit der ich aktuell sehr gut leben kann und nicht den Frust verspüre, viele Spiele wohl eher niemals zu spielen.

Schritt 6 des Fastenplans: Lagert eure Spiele sichtbar
Wenn du keinen Platz hast all deine Spiele sichtbar zu platzieren, wirst du diese versteckten Spiele wohl auch niemals spielen. So erging es mir mit Spielen die ich in Kartons gelagert habe, oder in zweiter Reihe standen.

Ich habe damit viel positive Erfahrungen gemacht, und vielleicht mag der Ein oder Andere diesen Weg mal für sich austesten… setzt Euch ein Ziel, einen Zeitraum etc. Macht es öffentlich wie ich im BGG Forum oder in FB Gruppen. Oder schreibt mich an. Ich bin gespannt, wer es versucht, und was ihr dabei erlebt. Spielt die Spiele, die ihr habt und tauscht lieber, statt neu zu kaufen.

Für mich hat sich viel geändert, und obwohl nun die #Spiel19 vor der Türe steht, bin ich fest davon überzeugt die Messe nur mit wenigen Spielen zu verlassen (5 ist mein Ziel), und nach der Messe diesen Plan weiter zu verfolgen. Es tut gut, sich jeden Monat ein Spiel zu gönnen.

Die Angst etwas zu verpassen kann man in den meisten Fällen ablegen. Es gibt Kleinstauflagen, die eine Ausnahme darstellen. Aber die große Masse an Spielen wird von genug Spielern gekauft, dass die Wahrscheinlichkeit eines Weiterverkauft hoch ist. Am Ende zahl ich vielleicht 10€ mehr für ein Spiel, bin aber dann sicher, dass ich es haben will. Nicht nur eine Momentaufnahme.

Ausblick – Reboot

Ich habe wirklich überlegt, ob ich das Projekt abschließen soll. Aber ich habe mich ganz klar dagegen entschieden. Zu viele positive Erfahrungen hängen an Knopfspiele. Und da Knopf 2 nun in dem Alter ist, in dem ich mit Knopf 1 begonnen habe Brettspiele zu erforschen, werden wir da jetzt wieder ansetzen. Wir werden die alten Spiele nochmal besuchen, werden zusammen als Familie weiterhin Kinderspiele betrachten. Und wir werden wieder mehr spielen.

Ich werde im Blog viel mehr Meinung und Spielberichte veröffentlichen. Vielleicht auch mehrfach zu einem Spiel. Denn dieses ständige Anschleppen von Rezensionsexemplaren und Neuheiten wird der Vergangenheit angehören. Knopf 1 ist in einem Alter, wo auch ein Carcassonne mal gespielt werden kann, und für den Rest steht hier noch regalweise herum.

Wollen wir ein neues Spiel, werden wir es kaufen. Aber kein Druck mehr, ein Spiel spielen zu müssen, nur damit Papa schreiben kann. Bisher habe ich hier auch keinen Druck ausgeübt. Der Artikel ist dann schlicht nie erschienen, was bei mir aber zu einem schlechten Gefühl geführt hat. Wenn ich in Zukunft ein Rezensionsexemplar annehme wird nicht mit Sicherheit ein Artikel entstehen, und wenn bestimmen wir den Zeitraum. Im Fokus muss der Spaß am Spiel bleiben. Und wenn die Kids Lotti Karotti spielen wollen, ist das eben so.

Die Rubrik „Papa spielt…“ wird es weiterhin geben. Und ich denke hier darf man in Zukunft Berichte zu Klassikern und zu komplexeren Spielen erwarten. Ob es dann in Form einer Rezension ist, oder einfach nur ein Meinungsbild, wird sich zeigen. Denn nehmen wir das Beispiel 1830: dieses Spiel habe ich jetzt vielleicht 15 mal gespielt… Könnte ich es rezensieren? Nein. Ich lerne jedes mal noch etwas dazu, ich mache Fehler, ich bin in der Lernphase und das wird sich vermutlich die nächsten 15 Spiele nicht ändern. Bei einem Zeiteinsatz von 3-4 Stunden pro Spiel muss ich nicht verraten, wie lange es dauern würde. Aber ich kann das Spiel inzwischen recht gut beschreiben, und die Hürden aufzeigen. Ich kann meinen Spielspaß wiedergeben und erzählen was ich in dem Spiel, bzw dem System sehe. Und hier sehe ich jetzt auch den Mehrwert für die Knopfspiel-Leser, die nicht nur der Kinderspiele wegen reinschauen.

Die Auszeit war übrigens auch sehr spannend, zu sehen, welche Spiele tatsächlich noch recherchiert werden, und über welche Quellen. Dabei ist für mich der Entschluss gefallen, Medien wie Facebook und Twitter weniger zu nutzen. Alles was hier passiert ist ein Besucherpeak über 2-3 Tage nach dem Veröffentlichen. Danach fallen diese Besucher komplett aus. Also werde ich in Zukunft noch meine Facebookseite nutzen, um auf Artikel hinzuweisen, aber weitere Kanäle nicht mehr belästigen. Mal sehen wie es sich dann in 12 Monaten darstellt.

In der nahen Zukunft werde ich mich der Messe #Spiel19 in Essen widmen. Ich werde selbst wieder vor Ort sein, und freue mich auf ein Wiedersehen mit einigen von Euch.

So am Ende noch ein Danke an alle, die mir positiven Zuspruch oder konstruktive Kritik entgegengebracht haben.