#69 Papa spielt … Ulm

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Ulm

Es ist schon lange her, da hatten die Ulmer einmal einen sehr großen Balken in die Stadt zu bringen. Da sie den Balken aber der Breite nach trugen, so konnten sie mit demselben nicht durch das Tor kommen und beratschlagten nun, wie diese Schwierigkeit zu beseitigen sei. Nach vielen vergeblichen Vorschlägen stritt man zuletzt nur noch darüber, was vorzuziehen sei: entweder den Balken schmäler oder aber das Tor breiter zu machen.

Da kam endlich durch das Tor ein Spatz geflogen, der trug einen langen Strohhalm zu seinem Neste. Selbiger Spatz nun trug aber den Strohhalm der Länge und nicht der Breite nach. «Halt!» rief da ein aufmerksamer Ulmer, «mir geht ein Licht auf!» Und sofort machte er den Vorschlag, dem Beispiele des Spatzen zu folgen, was denn auch allgemeinen Anklang bei den anwesenden Bürgern gefunden haben soll, so daß sie den Balken auf gute Weise in die Stadt brachten. Seitdem müssen sich die Ulmer den Namen der [Spatz] gefallen lassen bis auf den heutigen Tag.

Quelle: Ernst Meier, Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, Bd. I und II, Stuttgart 1852, II, S. 362, Nr. 403, Mündlich.
aus: Historische Sagen, Leander Petzoldt, Schorndorf 2001, Nr. 77, S. 49

Nach dieser kleinen Anekdote muss ich gleich ein Geständnis hinterher jagen. Ich war, als ich den Titel des Spieles gelesen hatte, direkt befangen. Mich hat gar nicht wirklich interessiert, welches Spiel sich hinter Ulm verbirgt, ich wollte es spielen. Ich verbinde mit Ulm die schönsten meiner Kindheitserinnerungen, da ich selbst viele Male mit meinem Großvater am Münster war, und auch nach oben gestiegen bin. Also verzeiht mir, wenn ich das Spiel zumindest thematisch etwas durch die rosa Brille betrachte.

Ulm

In Ulm versuchen die Spieler einflussreiche Bürger der aufstrebenden Stadt zu werden. In jeder Runde zieht der Spieler einen Aktionsstein aus einem Beutel, und schiebt diesen in das 3×3 Raster der Münsterfeldes. Die drei Aktionen, die danach in der bewegten Reihe oder Spalte sind, darf der Spieler ausführen. Diese Aktionen bringen Einkommen, bewegen die Zille (das Boot, auch Ulmer Schachtel genannt), bringen Karten oder erlauben Siegelaktionen auszuführen. Die Position der Zille bestimmt, welche Stadtteil-Privilegien in Anspruch genommen werden können. Wird eine Siegelaktion durchgeführt, und kann vom Spieler auch bezahlt werden, darf er das Privileg des Stadtteils nutzen.

Ulm

Einer der wichtigsten Privilegien ist das Auswählen von Stadtwappen. Diese geben entweder schnelle Siegpunkte (silberner Rand) oder erlauben das Platzieren eines der drei Familienwappen (goldener Rand). Ab diesem Moment wird das Privileg von der Familie des Besitzers gewährt, und jedes Mal, wenn ein Mitspieler oder man selbst das Privileg einfordert, generiert es Siegpunkte.
Andere Siegelaktionen beschleunigen die Reise auf der Donau, erwirtschaften Ressourcen oder Karten oder verschaffen den Spielern permanente Spezialfähigkeiten oder schlicht Siegpunkte.

Neben den Siegelaktionen sind Karten der Weg zum Sieg. Diese Karten können mit einer Kartenaktion erworben werden, aber auch hier, nur wenn man die erforderlichen zwei Aktionssteine ausgeben kann. Die Karten sind in zwei Teile aufgeteilt. Der obere Teil kann im Spiel genutzt werden; die Karte wird danach abgelegt. Der untere Teil ist für bestimmte Punktewertungen am Ende des Spieles. So bringen drei verschiedene Domkarten oder Sets von Handelskarten am Ende nochmal eine Menge Punkte.

Sollte der Aktionsstein, der aus dem Beutel gezogen wurde nicht in den eigenen Plan passen, gibt es die Möglichkeit dieses gegen die Abgabe eines Ulmer Spatzen gehen einen Aktionsstein aus einem Umschlagplatz zu tauschen.

Am Ende der zehnten Runde endet das Spiel. Es werden Punkte aus den gesammelten Ulmer Spatzen, der Position der Zille und den ausliegenden Karten auf die bestehenden Punkte addiert. Gewonnen hat der Spieler mit den meisten Siegpunkten.

Varianten

Als Rundenzähler werden Turmplättchen auf das Ulmer Münster gelegt. Diese Plättchen haben auf der Rückseite einen jeweiligen Rundeneffekt, der für alle Spieler gilt. Diese Effekte können positiv, wie auch negativ sein. In jeder Runde kann der Effekt der kommenden Runde mit eingeplant werden, was das Spiel sehr viel strategischer macht.

Ulm

Fazit zu Ulm:

Material/Komponenten

Die Grafik der Schachtel verspricht schon, was man in diesem Spiel finden wird. Ein von Michael Menzel grandios illustriertes Spielbrett, dazu passende Spielkarten und das Herzstück, das dreidimensionale Modell des Ulmer Münsters.
Das Material überzeugt, nur das Münster würde ich mir etwas robuster wünschen. Wir haben es inzwischen permanent zusammen geklebt, um es nicht jedes Mal neu aufbauen zu müssen, und damit es beim Hineinlegen der Turmplättchen nicht aus Versehen auseinander geht. Es ist ein kosmetisches Detail, was aber gelöst werden kann.
Ulm

Alter

Das Spiel hat zwar nur maximal drei Aktionen pro Spielzug, diese sind aber doch relativ stark verwoben. Damit halte ich das angegeben Alter von zehn Jahren für angemessen. Es ist kein Familienspiel, mehr ein Kennerspiel.
Ulm

Regelheft

Bei den Spielregeln hat sich der Verlag einiges einfallen lassen, was mich erst etwas irritiert hat, dann aber als ausgesprochen clever herausgestellt hatte. Die Anleitung ist nur sechs Seiten lang und erklärt die grundlegenden Spielmechanismen und den Aufbau des Spieles. Danach empfiehlt die Anleitung loszuspielen und die jeweiligen anderen Spielelemente in der Ulm Chronik, dem zweiten Regelheft, nachzulesen.
Das hat zumindest das erste Spiel doch etwas holprig wirken lassen, und ich empfehle die Siegelaktionen und die ausliegenden Nachkommen doch schon vorab den Mitspielern zu erklären. Das gibt ihnen die Möglichkeit strategische Entscheidungen zu treffen. Danach hat man ein praktisches Nachschlagewerk, das die gesuchten Informationen schnell finden lässt.
Besonders freut mich, dass am Ende der Chroniken noch geschichtliche Aspekte aufgegriffen wurden, und einige Besonderheiten um Ulm aufbereitet wurden.
Ulm

Empfehlung

Ulm bekommt von mir vorab eine absolute Empfehlung. Wenn es eine wirkliche Überraschung unter den Essen 2016 Neuheiten gibt, dann dieses. Denn was ich abseits den Themas erwartet habe, ist ein trockenes Strategiespiel, wie es schon 100fach erschienen ist. Aber Ulm macht in vieler Hinsicht vieles richtig. Die Spieldonau… ähh, der Spielfluss ist absolut genial. Man sitzt nicht ewig rum, und wartet wieder am Zug zu sein. Dabei sind die Entscheidungen, die getroffen werden müssen, nicht trivial. Die Spielmechanismen greifen schön ineinander und vermitteln ein gutes Spielgefühl. Und mit den Turmplättchen wird einem eine gewisse Strategierichtung vorgegeben, an der man sich entlang hangeln kann, wenn man möchte. Spannend sind auch die verschiedenen Wege und Strategien das Spiel zu gewinnen.
Besonders spaßig finde ich den Aktionsauswahlmechanismus. Hier muss man abwägen, was einem selbst nutzt, aber auch dem Gegner eine Runde später nicht zu positive Voraussetzungen schafft.

Spiele, in denen man so vor sich hin spielt, und die anderen Mitspieler eigentlich nur Konkurrenz um den Sieg sind, liegen mir auch nicht. Aber durch das Ablegen der Familienwappen kommt genug Spielerinteraktion ins Spiel, dass es interessant sein kann, eine Siegelaktion auszulassen, um dem Gegner nicht zu viele Punkte zuzugestehen.
Gerade am Ende passieren durch die Karten doch noch einige Änderungen auf der Siegpunktleiste, so dass es bis zuletzt spannend bleibt.

All diese Aspekte, optischer Augenzucker und eine Spielzeit unter einer Stunde macht Ulm jetzt schon zu einem Highlight für mich. Speziell, da ich wirklich viele Gebäude auf dem Spielplan wieder erkenne.

Das Einzige, was mir nicht so gefallen hat, ist die Tatsache, dass man nie genug Karten bekommt. Dafür ist das Spiel nicht lang genug, und die Anzahl der Aktionen sehr begrenzt. Auch einige der Nachkommen sind sehr mächtig, was aber den Wettlauf-Aspektes des Spieles unterstützt.

Wer also ein etwas anspruchsvolleres Spiel sucht, was sich flott spielt, und ein gutes Spielgefühl hinterlässt, sollte sich Ulm einmal anschauen. Das gilt übrigens auch für die Stadt selbst.

Am Ende wage ich eine kleine Prognose: Ich würde vermuten, dass die Spiel des Jahres Jury Ulm zum Kennerspiel des Jahres 2017 nominiert. Noch kenne ich nicht viele Spiele dieser Kategorie aus dem Jahrgang, aber verdient hätte Ulm es auf jeden Fall.
Ulm

Schachtelinhalt

1 Spielbrett
1 Münster
12 Turmplättchen
50 Aktionssteine
52 Siegel
12 Familienwappen
12 Stadtwappen
33 Karten (zusätzlich Kartensätze in englisch und französisch)
8 Nachkommenplättchen
26 Münzen
30 Ulmer Spatzen
1 Stoffbeutel
2 Anleitungen

Credits

Huch! & friends
Author: Günter Burkhardt
Grafik: Michael Menzel
2-4 Spieler
ab 10 Jahre
ca. 60 Minuten

Preis

ca. 35€ (Stand November 2016)

Ich bedanke mich bei Huch! & friends für die Bereitstellung dieses Rezensionsexemplars.

3 thoughts on “#69 Papa spielt … Ulm

  1. Oliver

    Schöner Artikel – das macht doch gleich Lust aufs Spielen. Ich habe Ulm aufgrund der großen Auswahl in Essen ausgelassen – werde es nun aber doch mal verfolgen. Vielen Dank für den Tipp und die tolle Beschreibung.

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  2. Tobias

    Interessante Prognose bezüglich des „Kennerspiel des Jahres“ – kommt mir irgendwie bekannt vor (http://fjelfras.de/wordpress/blog/brettspiele/ersteindruck-ulm/) 🙂

    Wie ist deine Erfahrung mit dem Spiel zu zweit? Lohnen sich dabei die Stadtsiegel der östlichen Stadtteile? Ich habe das Spiel noch nicht zu zweit gespielt, kann mir aber vorstellen, dass es andere Strategien benötigt. Rein theoretisch (!) kann ich mir vorstellen, dass für diese Spieleranzahl eine leichte Modifikation gut wäre (bspw. mehr Runden). Wie siehst du das?

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    1. dawue Post author

      Das Spiel spielt sich gut zu zweit. Die östlichen Stadtsiegel sind tatsächlich weniger interessant, aber ich versuche meinem Gegner keine Punkte zukommen zu lassen, also zwingt mich ein Stadtsiegel doch schneller auf der Donau zu reisen. Der Aktionsauswahlmechanismus ist dagegen viel verzwickter zu zweit. Denn man weiß, was der andere machen wird, und kann schon fast die übernächste Runde planen…
      Ulm ist sicher besser mit mehr als 2 Spielern, aber auch als Zweierspiel gut. Positiver Nebeneffekt, die Spielzeit sinkt etwas 🙂

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